Schlagwort-Archive: Lesetipp

November-Morgen

An einem klaren, kalten, aber sonnigen Novembermorgen
am Grab stehend,
Wochen und Monate, vielleicht sogar Jahre danach,
allein da sein,
sich erinnern, wie wir damals in der Frühlingssonne
am offenen Grab gestanden haben,
damals,
noch ganz befangen in der Trauer des Augenblicks,
und erkennen nicht die ganze Tragweite.
An einem ruhigen, kalten und sonnigen
Novembermorgen noch einmal da stehen.
Ein Grabstein,
ein umpflanztes Feld.
Und ich stelle die bepflanzte Blumenschale ab,
winterfest bepflanzt.
Rauhreif wird kommen,
sich auf die Nadeln senken
wie Kristalle und weißer Staub.
Ich bin gern allein da,
allein, ohne einsam zu sein,
weil ich Zeit habe,
meinen Erinnerungen zu begegnen,
mit ihnen zu reden, leise, ganz leise,
die zarte Sprache der Erinnerungen.
Den Namen noch einmal sagen,
die dürren Worte auf dem Grabstein,
wie die Anrede eines Briefes,
geschrieben an die Erinnerung,
die Daten lesen,
sich an Geburtstage erinnern,
damals immer im Winter,
festlich, manchmal etwas steif.
Manchmal herzlich und fröhlich,
auch anstrengend manchmal,
manchmal heiter.
Und auch der Todestag, damals,
und wie wir alle zusammenrückten,
die Umarmungen noch spüren und die Tränen,
die Zeit bleibt stehen,
die Jahre sind vergangen.
Das Datum bleibt,
aufgehoben, behütet, bewahrt,
auch, wenn es wehtat, loszulassen.
Auch meine Daten werden einmal stehen,
ein Anfang, und jedes Jahr neu ein guter Tag.
Und auch ein Ende.
Wer wird dann stehen, Jahre später,
die Daten betrachten,
an einem ruhigen, kalten und sonnigen
Novembermorgen, wieder da stehen?
Ein Grabstein,
ein umpflanztes Feld, sonnenbeschienen.
Grenzen und Strahlen,
beides.

Atlantik Madeira CH

Grenzen und Strahlen, beides.

Quelle

Michael Schibilsky, Trauerwege, Patmos Verlag, 1996, 5. Auflage, S. 268f

Nach Rücksprache mit dem Patmos Verlag: Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von Christel Schibilski als Inhaberin der Urheberrechte. Bielefeld, 09.11.2016

Leidfaden: Fachmagazin für Krisen, Leid, Trauer

Leidfaden, MagazinFachmagazin für Krisen, Leid, Trauer

ISSN 2192-1202

„Die Zeitschrift möchte allen, die Menschen in Krisen und Trauer therapeutisch, medizinisch oder seelsorgerlich begleiten, zur Seite stehen und sie mit fundierten Beiträgen bei ihrer Arbeit unterstützen.“

Weitere Informationen:
Verlagsgruppe Vandenhoeck & Ruprecht (V&R)
http://www.v-r.de/de/leidfaden/m-0/500062/

 

Die Liebe hört niemals auf

die-liebe-hoert-niemals-aufEine neue Auflage des Buches „Die Liebe hört niemals auf – Verbundensein über den Tod hinaus“ von Ina König wird in Kürze erscheinen, die wir hier wärmstens empfehlen möchten.

Weitere Informationen:

Wenn Sie selbst Literatur oder Musik zur Trauerbewältigung empfehlen möchten, schreiben Sie uns einen Kommentar (s. u.) oder nehmen Sie Kontakt zu uns auf. Wir freuen uns auf Ihre Empfehlung und geben Sie gern an unsere Leser weiter! Bitte haben Sie Verständnis, dass Kommentare erst nach Prüfung freigeschaltet werden.